• Dünndarmfehlbesiedelung SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth)

Krank ohne Diagnose: Die Dünndarmfehlbesiedelung (SIBO)

Von |2020-11-23T08:19:47+01:00November 23rd, 2020|Kategorien: Mikrobiom|Tags: , , |

Die Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) wird oft verkannt

Grundsätzlich gibt es viele nützliche Bakterien in der Darmregion. Allerdings sollten diese sich nicht in übermäßiger Anzahl im Dünndarm aufhalten – sonst spricht man von einer Dünndarmfehlbesiedlung, kurz SIBO (Small Intenstinal Bacterial Overgrowth). Woher diese Fehlbesiedlung kommt, wie sie sich äußert, wie sie zu diagnostizieren ist und welche Behandlungsmethoden mittlerweile erprobt werden, verrät der folgende Beitrag.

So hängt die Dünndarmfehlbesiedlung mit Unverträglichkeiten zusammen

In einem funktionierenden, gesunden Darmtrakt sorgt die Ileozökalklappe dafür, dass viele Bakterien im Dickdarm sind und nur wenige im Dünndarm. Die Klappe zwischen Dick- und Dünndarm reguliert die Einbahnstraße. Sie kann sich nur in Richtung Dickdarm öffnen und das ist auch gut so. Beim Krankheitsbild der Dünndarmfehlbesiedlung namens SIBO befinden sich jedoch weitaus mehr Dickdarm-Bakterien im Dünndarm als dies dem Menschen guttut.

Ein Grund für das Nicht-Funktionieren der Ileozökalklappe kann eine Laktoseintoleranz sein, denn mit dieser geht eine höhere Volumenbelastung im Dickdarm einher. Auch eine Fructoseintoleranz kann im Zusammenhang mit einer Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) stehen. Durch die Unverträglichkeit kommt es zu Durchfall und Gasbildung, was die durch die Bakterienübersiedlung ausgelösten Fermentations- und Gärprozesse im oberen Dünndarmbereich noch schmerzhafter werden lässt. Auch können die Bakterien, die den Dünndarm überwuchern, den Fructosestoffwechsel nachhaltig negativ beeinflussen.

Die Folgen sind vor allem schmerzhaft, denn die Dünndarmfehlbesiedlung sorgt für Durchfall, Verstopfung, Übelkeit, Völlegefühl und einen Blähbauch. Auslöser dieser Beschwerden sind Bakterien, die sich an der falschen Stelle aufhalten und eben dort für Fermentations- und Gärprozesse sorgen.

Diese Diagnosemöglichkeiten gibt es

Um sicher zu diagnostizieren, ob es sich um eine Dünndarmfehlbesiedlung handelt, können Gewebeproben aus dem Dünndarm untersucht werden. Hierzu ist jedoch ein endoskopischer Eingriff erforderlich, der aber zu aufwändig und risikoreich ist, um ihn allein für den Nachweis einer SIBO vorzunehmen. Alternativ kommt ein Atemtest zum Einsatz, wie er auch zur Diagnose einer Fruktose- oder Laktoseintoleranz durchgeführt wird.

Das Prinzip ist dasselbe: Der Patient trinkt eine mit Laktulose oder Glukose versetzte Flüssigkeit. Anschließend wird in regelmäßigen Abständen die Ausatemluft protokolliert – und zwar mit Fokus auf Wasserstoff- und Methanwerte. Diese Ergebnisse könnten die Tests erbringen:

  • Der Glukose-Atemtest: Steigt beim Glukose-Atemtest der Hydrogenspiegel (=Wasserstoffspiegel) nachweislich an, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass sich im oberen Teil des Dünndarms eine Vielzahl der Bakterien tummeln, die die Glukose aufessen, bevor der eigentliche Verdauungsvorgang starten kann. Eben dort (also im ersten Abschnitt des Dünndarms) sollte nämlich der reguläre Glukose-Stoffwechsel erfolgen. Sitzen hier Bakterien, lässt das den Hydrogenwert steigen.
  • Der Laktulose-Atemtest: Ein kleiner Teil der Patienten besitzt einen sogenannten »non-producer-Status«, seine Dickdarmbakterien produzieren überhaupt keinen Wasserstoff. Daher liefert bei ihnen auch jeder Atemtest ein negatives Ergebnis. Um diese geringe Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose auszuschließen, bietet sich ein Laktulose-Atemtest an.

Achtung: Das Risiko einer Fehldiagnose ist hier sehr groß

Nicht selten lautet die Diagnose der Ärzte nach einem Unverträglichkeitstest, dass es sich um ein „falsch-positives“ Ergebnis handelt. Der H2-Atemtest hat dann zwar Ergebnisse zu Tage gefördert, die auf eine Intoleranz gegen Glukose, Fruktose oder Laktose hindeuten. Dahinter könnte sich aber auch eine Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) verbergen. Der Wasserstoffanstieg ist also darauf zurückzuführen, dass zu viele Bakterien an der falschen Stelle im Verdauungskanal angesiedelt sind.

Diverse Behandlungsansätze sind aufeinander abzustimmen

Führende Mediziner aus den USA raten zu Behandlungsansätzen, die die Einnahme von Antibiotika mit einer speziellen Diät kombinieren, mit der die Bakterienbesiedlung reduziert werden soll.

  • Die Behandlung mit Antibiotika: Um das Übermaß an Bakterien im Dünndarm zu reduzieren, wird eine Kombination von chemischem Antibiotika (Rifaximin, Neomycin, Metronidazol) in Kombination mit natürlichem Antibiotika (Oregano, Neem, Berberin) empfohlen, obgleich das nur die Besiedlung, nicht aber den Auslöser des Bakterienbefalls bekämpfen kann. Experten empfehlen einen aktiven Biofilm-Abbau sowie eine Unterstützung durch Enzympräparate und Probiotika, die die Antibiotika-Behandlung begleiten sollen und sich ihr anschließen können.
  • Die Formeldiät: Begleitend verordnen manche Ärzte eine sogenannte Formeldiät, die das Ziel hat, die Bakterien binnen zwei bis drei Wochen buchstäblich auszuhungern. Während dieser Diätphase nimmt der an einer Dünndarmfehlbesiedlung leidende Mensch nur Trinknahrung zu sich. Diese wird bereits zu Beginn des Dünndarms aufgenommen. Für die Bakterien, die sich in den meisten Fällen im unteren Teil des Dünndarms befinden, bleibt so kaum noch Nahrung übrig. Nach erfolgreichem Abschluss der Formeldiät raten Experten zu einer Nahrungsumstellung: Sie soll den Anteil der Kohlenhydrate reduzieren, um den Bakterien die Nahrungsgrundlage zu entziehen. Da der Anteil an Kohlenhydraten nicht auf null reduziert wird, können einzelne Symptome weiterhin auftreten.

Die Behandlung mit Antibiotika führt in jedem Fall zur schnelleren Reduktion der Bakterien im Darm. Die Formeldiät braucht deutlich mehr Zeit und ist durch Spezialpräparate, die die Nährstoffversorgung aufrechterhalten sollen, zudem deutlich teurer. Allerdings soll ihre Erfolgsquote Berichten zufolge bei 80 Prozent liegen und schwerwiegende Nachwirkungen einer Antibiotikabehandlung werden gemieden.


Foto: Die Dünndarmfehlbesiedelung SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth), (c) adobe media, von Alex

AUTORIN

Steffi Brand

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